Ist Abtreibung nach Vergewaltigung akzeptabel?
In Debatten um das Lebensrecht ist nichts kontroverser als die Frage der Abtreibung nach Vergewaltigung. Dieses Verbrechen ist so ungeheuerlich, dass man es nicht wagt, dem Opfer Ratschläge zu geben oder gar Auflagen zu machen. Auch in Jurisdiktionen mit restriktiver Gesetzgebung wird deshalb für diese Situation meist eine Ausnahme gemacht.
Von jährlich etwa 100.000 Abtreibungen in Deutschland werden ca. 35 aufgrund „kriminologischer Indikation“ durchgeführt. Jeder Fall ist eine Tragödie. Stets ist der Mann ein Verbrecher, der hinter Gitter gehört, während das unschuldige Opfer unsere unbedingte Solidarität verdient.
Viele glauben, Abtreibung helfe der Frau, über das Verbrechen hinwegzukommen. Dieser Standpunkt ist verständlich, aber ein Trugschluss. Wir müssen die Frau vor weiterer Gewalt und Fremdbestimmung schützen, und hier stellt sich die Frage, ob eine Abtreibung nicht eine weitere Traumatisierung darstellt – was übrigens betroffene Frauen selbst so sehen.
Außerdem stellt sich die Frage nach dem Baby. Kein Kind bestimmt über die Umstände seiner Empfängnis und darf dafür bestraft oder benachteiligt werden. Dass unsere Würde als Menschen nicht davon abhängt, ist jedem klar. Vielmehr neigen wir dazu, diejenigen Menschen mit besonderem Respekt zu behandeln, die schwierige Bedingungen ertragen und überwinden.
Ein Unrecht wird nicht durch ein weiteres aufgehoben. Deshalb lehnt unsere Gesellschaft die Todesstrafe ab. Aber gilt dies nicht auch für ein Kind, das durch Vergewaltigung gezeugt wurde? Viele Frauen behalten die Kinder oder geben sie zur Adoption frei – als bewusste Gegenhandlung zu Gewalt und zur Diskriminierung Unschuldiger.
Hier geht es um einen schweren Konflikt, oft um ein Dilemma. Dennoch ist es nicht menschenwürdig, einer Frau in dieser Lage nur die Abtreibung anzubieten. Das beste Ziel ist Prävention: Dafür zu sorgen, dass keine Frau in diese Lage kommt, weil sie respektiert wird und es wirkliche Emanzipation gibt.
Prof. Dr. Paul Cullen und Alexandra Maria Linder M.A., Vorstand BVL e.V.